„Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer, das Hässliche erfreut durch Dauer“

von Prof. Dr. Gert Kähler, Hamburg

(...) Sie erinnern sich: Loriot hat in einem seiner brillanten Sketche aus einem ordentlichen Zimmer ein Chaos gemacht, weil er ein Bild gerade hängen wollte. Wunderbar gespielt. Allerdings – ist das nicht völlig weltfremd? Bei Betrachtung unserer gebauten Umwelt muss man doch schließen: Es ist völlig wurscht, wie das Bild hängt, denn auch bei leichter Schräge kann man es doch ganz gut erkennen? Warum ärgert sich dann Loriot darüber?

Ich erfreue mich in dieser Hinsicht immer an Sanitärräumen und Deckenspiegeln und den dort zu beobachtenden Zusammenstößen verschiedener Systeme – Fliesengrößen, Fugenschnitt, Badobjekte. (...) Dort herrscht häufig eine „Beinahe-Architektur“: Beinahe hätte es gepasst. Aber eigentlich, sagen diese Bilder, eigentlich ist es auch egal. (...) Wenden wir uns der Frage zu, warum das unbefriedigende Ergebnis dennoch toleriert wird. Und sehen uns ein wenig um.

Es ist ja eine merkwürdige Situation, die uns zwar von der gebauten Umwelt sprechen lässt, aber im Grunde immer nur die Architektur meint, diese von einer bestimmten Berufsgruppe mit mehr oder weniger Geschick gestalteten Häuser. Aber auch die heute ausgezeichneten Bauten haben ein Umfeld, das nicht vom Bauherrn verantwortet, nicht vom Architekten gestaltet wurde. Dazu gehören Straßen, Fußgängerzonen, Tunnels, Parks und alles das, was so schön als „Stadtmöblierung“ bezeichnet wird. Und wenn man sich dort umsieht, dann kann man schon traurig werden. Da passt meistens nicht nur nichts zusammen, sondern es regt offenbar auch niemanden mehr auf, dass das Nicht-Zusammenpassende verludert, verdreckt, versifft. Und wenn es zu schlimm wird, dann wird geflickt – ohne Sinn und Verstand, ohne dass offenbar jemand mal draufguckt, ob es denn auch „ordentlich“ aussieht. Das „Ordentliche“, das „Anständige“ hat in ästhetischer Hinsicht (und nur davon spreche ich) keine Konjunktur. Das Schlimme: Das hat nicht mit Geld zutun. Es hat damit zu tun, dass es den Beteiligten egal ist. (...)

Tatsächlich hat es allerdings doch mit Geld zu tun – nur anders, als man denkt: In Hamburg sind zur Zeit „Business Improvement Districts“ sehr in Mode. Das Konzept: Die Immobilienbesitzer und Geschäftsinhaber tun sich finanziell zusammen, um den öffentlichen Raum in einer gemeinsamen Aktion in Ordnung zu bringen (...). Sie tun das nicht, weil sie den Anblick sonst nicht ertragen könnten, sondern weil sie sich einen besseren Umsatz in einer besseren Umgebung versprechen. Dann heißt das doch, dass eine bessere Gestaltung – und ich rede immer noch von der Ästhetik! – sich auszahlt. (...) Eine Investition in die Gestaltung des öffentlichen Raumes zahlt sich nicht nur in Euro, sondern in einem freundlicheren Umgang miteinander aus. In Rücksichtnahme auf den anderen und auf die Umgebung.

Das lässt sich nicht beweisen, aber es gibt Indizien dafür: Wenn man sich aufwendig gestaltete öffentliche Plätze der letzten Jahre ansieht, dann halten die sich eben doch ziemlich gut. Oder: Ich habe mal neue Schulen kritisiert als „Hauptsache haltbar“. Und in Bregenz eine Gewerbeschule besichtigt, die aufs Feinste detailliert und gebaut war – und nach vier Jahren noch aussah wie am ersten Tag. Eine Schule, wohlgemerkt, die für 15 bis 18jährige Halbstarke gebaut war! Die war nicht haltbar; die war einfach gute Architektur. Das haben offenbar die Schüler gemerkt und ihren Umgang mit der Schule darauf abgestellt. (...)

Alles kein Beweis. Andererseits: Wann kümmern wir uns denn noch darum, wie sich eine Stadt mit ihren Straßen, Plätzen und Parks, den öffentlichen Räumen, der Öffentlichkeit präsentiert, wenn es nicht um „Events“ geht, die für die Attraktivität der Stadt heute offenbar notwendig sind? Wer kümmert sich um die Gestaltung des öffentlichen Raumes, wenn es nicht um Verkaufen geht, das sich heute Stadtmarketing nennt?

(...) Oder sind wir ästhetisch so abgestumpft, dass uns der Anblick all‘ dieser Scheußlichkeiten, dieser nicht zusammenpassenden Materialien, dieser unordentlich hingerotzten Einzelteile, die keine Rücksicht aufeinander nehmen, gleichgültig lässt? Tatsächlich, es ist wohl so. Der Handwerker kommt nicht von allein drauf, etwas „ordentlich“ zu machen. Er steht unter Zeitdruck, außerdem wird er nicht dazu angehalten, auf anderes Rücksicht zu nehmen, als seinen Auftrag auszuführen. Und ob die Klinkerschicht nun einen oder 11,5 cm dick ist, ist doch wohl egal?

Pfusch am Bau? Darum geht es gar nicht. Es wird alles schon berechnet und von unzähligen Vorschriften bestimmt. Es geht nicht um die technische Nachlässigkeit, es geht um ästhetische Schlamperei, die von keiner DIN-Norm erfasst wird und für die sich keiner zuständig fühlt. (...)

In regelmäßigen Abständen fordern einschlägige Verbände eine ästhetische Erziehung in der Schule, die über den Malunterricht hinausgeht. Aber nicht die Schüler sind schuld an der ästhetischen Umweltverschmutzung, sondern die Eltern, die sie tolerieren – oder selbst verursachen.  Die Eltern, denen es gleichgültig ist, wie es um sie herum aussieht. Die Professoren, die an den Hochschulen – auch den Architekturhochschulen! – tolerieren, dass die Wände beschmiert, die Plastikpappbecher für den Kaffee auf jeder Fensterbank stehen. So etwas zu verbessern, scheitert nicht am Geld, sondern an der Gleichgültigkeit. (...)

„Dich will ich loben: Hässliches/ Du hast sowas Verlässliches“ reimte Robert Gernhardt. Das Verlässliche liegt inzwischen in der Gewissheit, dass man die ästhetische Schlamperei im Umgang mit der gebauten Umwelt als gegeben voraussetzen kann. (...)

Kein Mensch kann mir weismachen, es liege nur am Geld. Sicher, die Lohnkosten sind gegenüber den Materialkosten gestiegen. Aber ob eine Leiste gerade oder schief verläuft, ein Schild auf einer Wand irgendwie oder nach einer erkennbaren Ordnung angebracht wird, ein Plastikstuhl nur noch gemein aussieht, das ist keine Frage der Kosten oder des Geschmacks. Es ist eine Frage der Konvention. Es hat etwas mit gutem Benehmen zu tun. Kein Handwerker hätte vor hundert Jahren gewagt, eine Arbeit in ästhetischer Hinsicht nicht ordentlich abzuliefern. (...)

Aber früher zog man sich auch noch um, wenn man auf die Straße ging, man „ging in die Stadt“, (...) heute kann mir jeder an der Kasse im Supermarkt im Schlafanzug seinen Bauch entgegenstrecken. Wir sind eben viel lockerer geworden. (...)

Das Phänomen der Gleichgültigkeit gegenüber unserer Umwelt ist total; in jedem Bereich gibt es Beispiele für diese Ist-doch-Wurscht-Mentalität. Großreklametafeln auf Kirchenwänden? Kein Problem – die Einnahmen kommen doch der Bausanierung zugute? „Werbeanlagen dürfen nicht erheblich belästigen, insbesondere nicht durch ihre Größe, Häufung, Lichtstärke oder Betriebsweise“ sagt dazu die niedersächsische Bauordnung. Ja, Pustekuchen!

Wir haben sogar einen Umweltminister. Aber „Umwelt“ ist offenbar nur, wenn‘s giftig oder zu warm ist. Umwelt ist nicht, wenn es hässlich ist (denn eines ist doch wohl auch klar: wir reden nicht über unterschiedliche Ansichten darüber, was das Schöne sei. Kein Mensch findet so etwas schön – es ist ihm nur egal und nicht wert, es zu ändern!). Nur: Die Lieblosigkeit, mit der wir unsere Umwelt in ästhetischer Hinsicht behandeln, spiegelt ein Defizit. Wir fühlen uns in dieser Umwelt nicht aufgehoben – aber wir ändern das auch nicht. Und wir übergeben unseren Kindern eine von uns lieblos behandelte Umwelt. Wie sollen die sich darin wohlfühlen?

Nur: kein Mensch kann mir begreiflich machen, es sei tatsächlich egal oder hätte keine unmittelbare Wirkung; es ginge ja schließlich nur um Ästhetik. Richtig ist: Man bekommt keinen Krebs von einer hässlichen Umwelt – zumindest ist der Zusammenhang noch nicht entdeckt. Man bekommt, sehr viel näher liegend, zum Beispiel eher Depressionen (...) Vielleicht wird man auch aggressiver – auch dafür gibt es keine eindimensionale Ursache-Wirkungsherleitung. (...)

„Bauliche Anlagen sind in der Form, im Maßstab, im Verhältnis der Baumassen und Bauteile zueinander, im Werkstoff einschließlich der Art seiner Verarbeitung und in der Farbe so durchzubilden, dass sie weder verunstaltet wirken noch das bestehende oder geplante Straßen-, Orts- oder Landschaftsbild verunstalten“ heißt es in der niedersächsischen Bauordnung. Warum hat man das wohl da rein geschrieben? Und warum sieht es so aus, als überprüfe der Staat das nicht?

„Über Geschmack lässt sich nicht streiten“ meint der Volksmund, und meint: „Man sollte jedem seinen persönlichen Sinn für das Schöne zubilligen“. In der Tat: Das sollte man. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Ich bin sicher, dass es eine gemeinsame Auffassung über das Hässliche gibt – und eine allgemeine Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Vielleicht ist das inzwischen die Meinung des Staates; ehe man sich auf lange Streitereien und womöglich Prozesse einlässt, erlaubt man alles: Ist doch egal, und schließlich wird keiner verletzt. Genau das stimmt nicht: Er wird – ob er es merkt oder nicht – in seinem Wohlbefinden verletzt.

Deswegen lohnt es sich, etwas anständig, etwas ordentlich zu machen, und ich sage ausdrücklich nicht: schön. Und ich bin überzeugt: es rechnet sich sogar, auch finanziell. Nur lässt sich das nicht eindimensional berechnen. Das macht es nicht falsch, sondern nur kompliziert: Wie will man berechnen, dass die Menschen in Basel fröhlicher zur Arbeit gehen, weil sie am Tinguely-Brunnen vorbeigegangen sind, einen Moment verweilt haben und die sinnfreien Bewegungen betrachtet haben? (...)

Die Kommunen haben kein Geld mehr, deswegen geben sie es (außer für Sozialleistungen) nur noch für Investitionen aus – Bildung, Hochtechnologie usw. Aber Investitionen für die Qualität der gebauten Umwelt, mit einem etwas altmodischen Wort: für ihre Schönheit zahlen sich ebenfalls aus – in mehr Besucher, in fröhlichere Menschen, in Bürger, die sich mit ihrer Kommune identifizieren, weil sie sie toll finden, in weniger Krankheiten. Und weil das so ist, ist eine Vergabeordnung falsch, die sich nur am billigsten Gebot orientiert – es kommt vielmehr auf das beste Gebot an, und darin sind die Kosten nur ein Teil.

Nun ist es ja nicht so, dass es nicht Bemühungen gäbe, an den beschriebenen Zuständen etwas zu ändern. Im Jahr 2000 wurde auf Bundesebene eine „Initiative Architektur und Baukultur“ ins Leben gerufen, in der zwei Bundesministerien, alle Architekten und Ingenieure (vertreten durch ihre Kammern), mehrere Berufsverbände, und in einem Lenkungsausschuss auch die Wohnungswirtschaft, die Bauwirtschaft sowie die Länder und Gemeinden versammelt waren. Dieser Verbund hat etwas Unglaubliches geschafft, nämlich eine positiv formulierte Politik für das Bauen, die in einem Statusbericht „Baukultur in Deutschland“ niedergeschrieben wurde. Ein Statusbericht, zur Erläuterung, wird vom Kabinett beschlossen, im Bundestag diskutiert und als Bundesdrucksache veröffentlicht; Voraussetzung: Der Bund muss mit etwa 80 Prozent der dort vorgeschlagenen Handlungsanweisungen einverstanden sein.

„Baukultur ist die Herstellung von gebauter Umwelt und der Umgang damit“ lautete die Definition, die lakonisch den Kern der Sache umfasst: Es geht nicht nur um schöne Häuser, sondern um Straßen, Brücken, Tunnel, Reklametafeln. Und es geht nicht nur um die Arbeit der Profis, sondern eines jeden von uns, bis hin zum letzten Graffittisprayer. Das hat nichts mit Baukunst zu tun, nichts mit Normierung von Gestaltung, nichts mit Stilen. Es ging in der Initiative nie um Gestaltungs-, sondern immer um Qualitätsfragen!

Die Initiative führte, selten genug in der Politik, eine offene Diskussion mit erstaunlich konkreten Ergebnissen. Im Statusbericht werden auf neun Seiten von allen akzeptierte politische Handlungsanweisungen umfasst, die umzusetzen geradezu revolutionär gewesen wäre: Zum Beispiel die Koppelung von Abschreibungsmöglichkeiten im Bauen an Qualitäten – weg von der Gießkanne, hin zur Qualitätsförderung –; zum Beispiel der Ausbau der kommunalen Planungskapazitäten, um den „Global Players“ einen starken Partner gegenüber zu stellen; zum Beispiel die Beteiligung der Bürger an der Formulierung von kommunalen Planungszielen – also vor einem Landtagsbeschluss zu einem Neubau mit den Bürgern zu diskutieren. Aber auch kleine, feine Maßnahmen wurden beschlossen, wie die Plakette an jedem Bauwerk, die die Verantwortlichen nennt, die „Lehre von der gebauten Umwelt“ als Schulfach oder ein „Baukultureid“, der die Planer auf ihre gesellschaftliche Verantwortung verpflichtet. Das „Recht auf eine gute gebaute Umgebung“ wurde gar als Verfassungsauftrag proklamiert. Finnland hat das schon.

Wenn man sich die – von allen akzeptierten, im Kabinett behandelten und von Bundestag diskutierten! – Maßnahmen heute ansieht, dann kommen einem die Tränen ob des inzwischen nicht Geschehenen. Auch die Kammern und Verbände haben, anstatt Druck zur Umsetzung zu machen, von den sie betreffenden Maßnahmen wenig umgesetzt. Ihr Desinteresse lag zu einem großen Teil daran, dass die Initiative nie bei ihrer Klientel angekommen war. (...) Es hätte nicht wirklich etwas dagegen gesprochen, die Politik ernst zu nehmen, anstatt schon vorher deren Scheitern zu prognostizieren. Entsprechend dünn ist das Erreichte: Eine „Bundesstiftung Baukultur“ mit einem Etat von 1,25 Millionen Euro, bezahlt vom Bund. Zum Vergleich: Das Architekturzentrum Wien im kleinen Österreich hat einen Etat von 2,7 Mio. (...)

Was erreicht worden ist (...): In den Schulen geschieht inzwischen eine Menge, um den Schülern das Thema näher zu bringen. Denn die Erkenntnis setzt sich durch, dass es in vielen Fächern nichts Handfesteres und Anschaulicheres gibt als Architektur und gebaute Umwelt: Im Fach Deutsch vermittelt man den Schülern die „Buddenbrooks“ am Beispiel der Stadt Lübeck, in Geschichte die attische Demokratie am Beispiel der Agora, mathematische Zusammenhänge werden am Beispiel von Brücken, Geometrie am Beispiel des gebundenen Systems einer romanischen Kirche, Geographie am Beispiel der Stadtentwicklung der Heimatstadt gezeigt. (...)

Was nicht erreicht worden ist: Ich kann nicht erkennen, dass unsere gebaute Umwelt innerhalb der letzten zehn Jahre besser, sorgfältiger, ästhetisch überzeugender gestaltet worden wäre. Ich kann auch nicht erkennen, dass die öffentlichen Bauverwaltungen gestärkt würden, um den Global Players auf Augenhöhe gegenübertreten zu können. Wenn ich mir die – gemeinsam von Kammern, Berufsverbänden, Bund, Ländern und Bauwirtschaft beschlossenen! – „Maßnahmen und Empfehlungen“ ansehe, dann kann ich nicht erkennen, dass wir systematisch diese Politik abarbeiteten: Wo bleibt die dort akzeptierte Verpflichtung zur Durchführung offener Wettbewerbe? Wo bleiben die Überlegungen, auf welche Weise man die Bürger besser in den Planungsprozess und in die Zielfindung von Stadtentwicklungen einbeziehen kann? Wo bleibt die Plakette an jedem Neubau, auf der Bauherr, Architekt und Baufirma genannt werden? Und wo bleibt eine der Verbraucherberatung vergleichbare Architekturberatung für Bauherren?

Alles egal? Nun kann es ja sein, meine Damen und Herren, es gibt eine ganz andere Erklärung. Adolf Loos, der große Wiener Architekt der Zeit um 1910, hat die schöne Geschichte „von einem armen, reichen Mannne“ geschrieben. Dieser reiche Mann fragte sich: „,Bist du denn glücklich? Siehe es gibt menschen, denen alles fehlt, worum man dich beneidet. Aber ihre sorgen werden hinweggescheucht durch eine große zauberin, die kunst. Und was ist dir die kunst? Du kennst sie nicht einmal dem namen nach.‘ (...) Und so ging er noch am selben tage zu einem berühmten architekten und sagte ihm: ,Bringen sie mir kunst, die kunst in meine vier pfähle. Kostenpunkt nebensache.‘“

Sie sehen: Der Traum jedes Architekten, der hier verwirklicht wurde; alles wurde zum Kunstwerk, alles wurde gestaltet: „Der reiche mann war überglücklich. Überglücklich ging er durch die neuen räume. Wo er hinsah, war kunst, kunst in allem und jedem. (...) Es darf aber“, so heißt es bei Loos, „nicht verschwiegen werden, dass er es vorzog, möglichst wenig zu hause zu sein. Nun ja, von so viel kunst will man sich auch hie und da ausruhen“.

Die Menschen in unseren Städten hätten das, zurück in der Gegenwart, verstanden – sie pflegen ihr „Ist-doch-egal-Gen“, damit sie glücklich werden. Die Architekten wären im Geheimen froh darüber, dass ihre schönen Wandabwicklungen ignoriert werden! Das vollkommen Gestaltete sei nur auszuhalten, wenn dem das Ungestaltete gegenüber steht. Und der Staat sorgt in seinen öffentlichen Räumen für dieses Unvollkommene, um uns vor dem Vollkommenen zu schützen, das wir in den privaten schein-öffentlichen Räumen finden, in den Einkaufszentren und Potsdamer Plätzen, denn, so Robert Gernhardt, nachdem er durch Metzingen gegangen war:

Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, und Zeit meint stets: Bald ist`s soweit. Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer, das Hässliche erfreut durch Dauer.

Nun ja – ich mag nicht recht an diese Deutung glauben. Ich möchte immer noch glauben, im öffentlichen Raum gehe es um unser öffentliches Wohnzimmer. Und das mache ich so schön wie möglich. Und ich bin überzeugt, dass sich das auszahlt, auch in finanzieller Hinsicht (selbst wenn man es nicht berechnen kann). Wenn das aber stimmt, dann stellt sich die Frage, warum die öffentliche Hand so sorglos mit dem öffentlichen Raum umgeht – steckt dahinter nur das Ziel, kurzfristig Kosten zu sparen? Oder womöglich gar die Absicht, uns den öffentlichen Raum zu vermiesen? Man wird doch mal fragen dürfen.

 

Festvortrag anlässlich der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur am 24. September 2010 im Niedersächsischen Landtag