Was einsparen: CO2 oder Kultur - ist nachhaltiges Bauen ohne Kompromisse möglich?

von Dr. Robert Kaltenbrunner, Berlin/Bonn

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der in Niedersachsen lebende Dichter und Schriftsteller Henning Ahrens hat einmal notiert: „In der Provinz kündigt sich der Abend durch das Herunterlassen der Außenjalousie an. Onomatopoetisch umschrieben klingt das etwa so: ratter-ratter-ratter-KLACK !, und ist überall im Dorf zu hören. Die meist graue Außenjalousie ist eine Verbündete der Wärmedämmung und riegelt die Häuser hermetisch ab.“ Über diesen kleinen literarisch-lexikalischen Umweg nähern wir uns dem Thema des diesjährigen Staatspreises: „Weiterbauen im Spannungsfeld von Energieeffizienz und Gestaltqualität“. Henning Ahrens hat diesbezüglich eine klare Meinung: Er beklagt einen „ersten Verschandelungsschub in den 50er und 60er Jahren“, der eine „noch heute schmerzende optische Einöde“ hervorgebracht habe, und er sieht nun, „im Namen des Kampfes gegen den Klimawandel“, eine weitere Verunstaltungswelle auf uns zurollen – und die sei „nicht weniger hässlich und erstickend als vor einem halben Jahrhundert“. Er schließt mit einem Stoßseufzer: „Wann nimmt die Regelwut
in Deutschland, das stets der Streber unter den Nationen sein muss, endlich ein Ende?“ Nun ist es vielleicht ein bisschen unfair, diese Frage ins Parlament – dessen ehrwürdige Rolle doch im Regelsetzen für die Gesellschaft
liegt – zu tragen. Deshalb will ich mich selbst an einer prospektiven Antwort versuchen; was Regeln und Normen anbelangt, halte ich mich für vollkommen unverdächtig. Und ich bediene mich, ebenso leichthin, eines
quasi-medizinischen Vorgehens: Ich schaue mir die Ausgangssituation an, erstelle eine Diagnose, und schlage eine Therapie vor.

I. Ausgangssituation

Noch vor hundert Jahren waren Bauten eine besonders handfeste Wirklichkeit, weil ihre Voraussetzung eine zwar nicht handfeste, dafür aber gefühlsfeste, noch stabilere sinnbildliche Wirklichkeit war: Ein Interpretationszusammenhang der Welt, der mit den Begriffen ‚Kultur’ oder ‚Stil’ gefasst wird. Tempi passati
– das war einmal. Exemplarisch hat Boris Palmer, der Tübinger Oberbürgermeister, das in einem legendären Interview deutlich gemacht: „Ich bin nicht angetreten, um die Architektur der Stadt in herausragender Weise zu verbessern, sondern den Energieverbrauch zu reduzieren. Deshalb ist Architektur für mich Nebensache.“

Andererseits warnte die Bundesstiftung Baukultur eindringlich davor, dass der energetische Umbau das Erscheinungsbild unserer Städte ähnlich zurichten könnte, wie es die autogerechte Stadt seit den 50er Jahren getan hat. Um den modus operandi kurz anzusprechen: In der Regel geht die energetische Aufrüstung mit außenseitigen Wärmedämmungen (vulgo: Thermohaut auf Styroporplatte) vonstatten. Das System ist hinlänglich bekannt und einfach zu handhaben; letztlich braucht es nicht einmal Architekten oder Fachingenieure, um die Dämmmaßnahmen durchzuführen. Die Industrie tut das Ihrige, um die Sache attraktiv zu machen; sie füllt in der erfinderischen Gestaltung gedämmter Oberflächen jede nur denkbare Lücke. Und
da das Wärmeverbundsystem eine kurzfristig unkomplizierte und relativ günstige Lösung verheißt, geben viele Hausbesitzer ihr den Vorzug. Zudem gewährt der Staat diverse Förderungen. Das Ergebnis vermag indes oft nicht recht zu überzeugen. Es nimmt deshalb nicht wunder, wenn Energieeinsparung im Gebäudebereich
zu einer kulturellen Glaubensfrage zu werden droht. In Deutschland, so lautet ein schönes Bonmot, lebe nicht mehr das Volk der „Dichter und Denker“, sondern der „(Ab) Dichter und (Wärme) Dämmer“. – Ich lasse
das für’s erste so stehen und komme zur...

II. Diagnose

Angenommen, wir haben einen Patienten. Dieser Patient ist die gebaute Umwelt als Ganzes. Er fühlt sich akut bedroht von Energieeffizienz- und Klimaschutzmaßnahmen. Es stellt sich die Frage: Was hat es damit wirklich auf sich? Hat unser Patient schon Krankheitssymptome? Wenn ja – geht’s eher um die Kategorie Schnupfen, oder um so etwas wie Tuberkulose? Oder haben wir es mit einem Fall von Hypochondrie zu tun?
Vermutlich ist jede Antwort auf diese Frage weltanschaulich eingefärbt. Wie der Blick auf jenes ominöse Glas Wasser, von dem man nicht genau weiß, ob es halbvoll oder halbleer ist. Deshalb sollte man vielleicht lieber eine grundsätzliche Risikoeinschätzung vornehmen. Das will ich kurz tun – anhand eines Streiflichts
auf vier Begriffspaare, die jeweils ein wichtiges Referenzfeld an Risiken umreißen.

1. Zwänge und Möglichkeiten (der Gestaltung)

Es gehört zu den unangenehmen, aber durch Erfahrung gesicherten Wahrheiten, dass Kunst nur dann ihren Namen verdient, wenn ihr ein entsprechend starker Leidensdruck zugrunde liegt. Martin Mosebach hat sich
bei der sog. Blasphemie-Debatte vor einem halben Jahr weit aus dem Fenster gelehnt, als er vehement darauf hinwies: Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert; berühmt sei die Maxime des wahrhaft zensurerfahrenen Karl Kraus: „Ein Satz, den der Zensor versteht, wird zurecht verboten.“ Weil da eine gute Prise Ironie, ja Sarkasmus ins Spiel kommt, lasse ich diesen Aspekt jetzt besser fallen – und greife lieber einen anderen auf: In der Schweiz gibt es eine über Jahrhunderte entwickelte und gelebte politische
Tradition des Kompromisses. Vielleicht könnte diese bei der Kulturentwicklung ebenfalls hilfreich sein. Denn wenn es um Gebrauchsästhetik geht, ums Gestalten für Auftraggeber und Kunden, führt eine elastische Teamworkhaltung möglicherweise eher zum Erfolg als der schöpferische Alleingang. Jacques Herzog, der Architekt des Olympiastadions von Peking, erklärte seinen Erfolg im Reich der Mitte einmal mit der Bemerkung: „Wir wollten nicht einfach mit unseren eigenen Designvorstellungen in ein so riesiges Land mit  jahrtausendealter Kultur stürmen. Wir müssen eine Designstrategie entwickeln, die mit Unsicherheit und Veränderung umgehen kann: gewisse Dinge festlegen, andere offenlassen, ohne damit unsere Konzepte kaputt zu machen.“

2. Last und Lust (des Bestandes)

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal erzählen gern und oft, wie sie einmal durchsetzen konnten, nichts zu tun. Es ist ja auch eine schöne Geschichte. Es war ihr allererstes Projekt, 1996 in Bordeaux. Eigentlich war
nach Ideen zur Verschönerung des Place Léon Aucoc gefragt worden, aber nach ausführlicher Analyse und einigen Gesprächen mit Anwohnern entschieden sie sich, das Budget lieber in die regelmäßige Reinigung und Pflege des existierenden Platzes zu stecken. „Es war und ist uns wichtig, das als Projekt zu begreifen. Es ist keine Absage, sondern eine bewusste Entscheidung, an dieser Stelle nichts zu machen.“ Vielleicht brauchen wir beim Umgang mit dem Bestand oder in der Herangehensweise an dessen Umbau eine neue Lässigkeit. Oder im Konjunktiv: Eine Selbstverständlichkeit, mit der sich dann nicht mehr das Weiterverwenden von Vorhandenem rechtfertigen muss, sondern umgekehrt eher der Neubau. Sozusagen eine Umkehr der Beweislast: Warum wollen Sie das Alte ersetzen? Welche Vorteile hat das? Sind wirklich nicht genügend
Potenziale im Vorhandenen, die (um) genutzt werden können? Gäbe es vielleicht nebenan ein un- oder untergenutztes Gebäude, das verwendet werden könnte? Es geht darum, sich auf das Vorhandene einzulassen. Instrumente zu entwickeln, wie selbst alltägliche Situationen betrachtet, bewertet und dann entwickelt werden können. Erst dann schöpft die Architektur ihr gesamtes Potenzial aus: vom Nichtstun über das Ganzleichtjustieren bis zum Allesändern.

3. Politik und Gesellschaft (einfach und kompliziert)

Vielleicht darf man hier – immerhin befinden wir uns im Landtag! – eine Parallele zur Politik ziehen; genauer: zur allgemein wahrgenommenen Politikverdrossenheit: Auf den ersten Blick erscheint Politik vielen als einfach, also werden auf komplizierte Fragen simple und überschaubare Antworten erwartet. Gibt ein Politiker die erwarteten einfachen Antworten, dann bestätigt er damit das Vorurteil, dass Politik eigentlich etwas Simples sei, und legt gleichzeitig den Grundstein für spätere Enttäuschungen, weil die Antworten nicht der (diffizilen und widersprüchlichen) Realität gerecht werden. Gibt er dagegen die sachlich angemessenen komplizierten Antworten, dann setzt er sich dem Vorwurf der Bürgerferne aus. Ich will dieses Dilemma rückbeziehen auf unser Thema: Bei Planung und Architektur haben wir es regelmäßig mit sog. ‚wicked problems’ zu tun. Zu den Kennzeichen eines solchen bösartigen Problems gehört, dass es auf zahlreiche Arten erklärt werden kann und
die Wahl der Erklärung die Art der Problemlösung bestimmt. Recht eigentlich müsste erst eine Auseinandersetzung darüber stattfinden, wie ein Problem gesehen werden soll, wie man entsprechend damit umgehen, wie man Aspekte gewichten will, bevor man über mögliche Alternativen redet und sie gegeneinander
abwägt. Damit aber ist es nicht weit her. Bei unserem Thema setzt man lieber von vornherein auf vermeintlich gesicherte Wahrheiten. Zudem kann man durchaus den Eindruck haben, dass die Übernahme von Verantwortung durch vermeintliche Sachzwänge, wirtschaftliche Verwertungslogiken und unübersichtliche Machtstrukturen vermieden, ja desavouiert wird.

4. Rationalität und Konvention (Alltagstauglichkeit)

Es gebe, formulierte der französische Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert, zwei gleichermaßen „gefährliche Abwege: die Vernunft schlechthin zu leugnen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen“. Wir neigen eindeutig zu letzterem: Das Apodiktische, das man uns Deutschen nachsagt, dieses Verlangen, alles von vorne bis hinten exakt durchzukonstruieren: es kann zum Problem werden. M.E. glaubt man viel zu sehr, mit einem neu aufgetauchten Problem werde man am besten fertig, indem man eine Maschine erfindet, die es lösen soll. Diese Einstellung führt dazu, mit unnötig komplizierter Technik auf Aufgaben zu antworten, die sich mit etwas gesundem Menschenverstand einfacher bewältigen ließen. Weshalb ich warnen will vor einer allzu technischen, allzu logischen, allzu konsequenten Herangehensweise. So sind wir nicht – wir Menschen. Ich möchte in diesem Kontext an das Lied erinnern, das von dem gemütvollen Heinrich Seidel, dem Erbauer des
Anhalter Bahnhofs in Berlin, verfasst wurde und ausgerechnet im Kriegsjahr 1871 den Ingenieur als Mann des Friedens feiert. Es beginnt mit der Strophe: „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer, er lacht und spricht: ‚Wenn
dieses nicht, so geht doch das!’“ Von dieser lachenden Zuversicht des erfinderischen Ingenieurs, von diesem unverkrampften Pragmatismus wünschte man sich gerade heute bei der ökologischen Umsteuerung von
Wirtschaft und Gesellschaft ein wenig mehr. Wenn ich die Diagnose nun abschließe, dann mit einer vielleicht überraschenden Auslegung: Im Zuge des Klimawandels und der Energiediskussion verdichtet sich Baukultur offensichtlich zu einer Frage der Existenzsicherung. Ästhetische Diskussionen werden deshalb zwar nicht obsolet, verlieren aber ihre lange ausgeübte Dominanz. Die Architektur kann sich nicht mehr vorrangig als ,,Mutter aller Künste‘‘ verstehen, sondern wird Teil eines Themenkomplexes, in dem es auch um das Klima, um
Ressourcen, Volkswirtschaft oder Geostrategie geht. Meiner bescheidenen Meinung nach heißt das: Architektur ist gesellschaftlich weitaus bedeutsamer geworden. Und sie hat auf einmal wieder politische Relevanz. (Und das ist gut so!) Doch wie soll’s nun weitergehen?

III. Therapeutischer Ansatz (in sechs Thesen bzw. Forderungen)

1. Der Blick auf’s Ganze geht in unserer zur (Über-) Spezialisierung neigenden Welt tendenziell verloren

In der vorindustriellen Zeit war Bauen zwangsläufig klimagerecht, wie die regional unterschiedlichen Bauweisen zeigen. Ein Gebäude in Griechenland war anders strukturiert als eines in Skandinavien. In den Bergen baut man anders als am Meer. Geometrie, Farbgebung, Fensterflächen, Dachformen, aber auch Grundrissgestaltung waren an die herrschenden Klimabedingungen so weit wie möglich dergestalt angepasst, dass mit möglichst geringem Energieeinsatz ein möglichst hoher Komfort für die Gebäudenutzer erwuchs. Nun will ich hier weder einem romantisierenden Traditionsverständnis das Wort reden noch den Eindruck erwecken, dass dies unmittelbar übertragbar wäre. Was man freilich zur Kenntnis nehmen sollte, ist, dass wir die größeren Zusammenhänge mehr und mehr vernachlässigen, indem wir vor allem einzelne Aspekte optimieren. So haben etwa die Fortschritte in der Klimatechnik dazu geführt, dass Gebäude jedweder Architektur in jeder Region dieser Erde unabhängig vom Außenklima gebaut werden konnten. Der Architekt entwarf, anschliessend installierte der Haustechniker soviel Technik, wie benötigt wurde, um ein angeblich angenehmes Klima im Inneren zu schaffen – koste es, was es wolle. Zugleich bewirkte diese Entwicklung eine fast völlige Trennung der Arbeit von Architekt und Haustechniker. Das aber ist entschieden der falsche Weg. Denn es geht nicht an, Fragen der Nachhaltigkeit an einzelne Spezialisten weiter zu delegieren oder als Aufgabe von einzelnen Fachingenieuren zu begreifen. Und möglicherweise wäre es besser, auf ökologische Intelligenz statt auf energetische Effizienz in Gebäuden zu setzen.

2. Nachhaltigkeit darf nicht in Kulturverschwendung ausarten

Fraglos bilden der Umgang mit nicht vermehrbaren Energiereserven – insbesondere Erdöl und Erdgas –, die drängende Sorge um das Weltklima und die neue Last der finanziellen Kosten einen gravitätischen Problemkreis. Aber zwingen alle drei Faktoren so eindeutig zum Handeln, dass die Frage, ob die Art und Weise, wie ein Teil dieses Handelns umgesetzt wird, gar nicht mehr gestellt werden darf? Man denke bloß an den Bau von Windkraftanlagen, der ja durchaus in Konflikt steht zu landschaftlichen Kulturräumen und ihrer ästhetischen Integrität. Wie man ehrlicherweise einräumen muss, dass so manche bauliche Maßnahme, die in überzeugendster Absicht der Energieeinsparung dient, krass jeden Maßstab von architektonischer und handwerklicher Kultur unterschreitet. Viele Vorschriften und Förderlogiken haben augenscheinlich Kollateralschäden zur Folge, die vorab nicht gesehen wurden, die letztlich aber niemand haben will. Mit anderen Worten: Die einseitige Fokussierung auf den Aspekt Energieeinsparung unter dem Deckmantel ‚Nachhaltigkeit’
vernachlässigt (bzw. vernichtet) einen ganzen Kosmos von architektonischer Gestaltung – in welchem sich Erfahrung, Sparsamkeit, Klugheit und Kreativität generationenlang manifestiert hat, und das auch oft in spannungsvoller regionaler Differenzierung.

3. Ein nicht zu unterschätzendes Problem liegt in der Novitätensucht der Architektur

Recht eigentlich ist die ganze Architekturhistorie eine Geschichte der Kopien, Variationen und Wiederholungen. Zwar mag jeder Architekt und Bauherr versucht haben, den Urformen seinen eigenen Stempel aufzuprägen, ihn um Details und Erfindungen aus oft entlegenen Ländern zu bereichern, regionalen, speziell auch klimatischen Besonderheiten Rechnung zu tragen und neueste Technologien anzuwenden. Aber im Grunde wurde stets ein Typus fortgeschrieben, weiterentwickelt, angepasst, verbessert. Erst die architektonische Moderne trat mit dem Anspruch auf, eine voraussetzungslose Kunst zu kreieren. An die Stelle von Pragmatismus, Effektivität, Logik und Funktionsgerechtigkeit trat der (gefühlte) Zwang zu formaler Neuheit.
An diesem Erbe haben wir immer noch zu knabbern. Es ist just diese Mentalität, diese Geisteshaltung, die heute den Weg in die Nachhaltigkeit verbaut. Ein zentrales Problem liegt zudem in der unstillbaren Neigung,
immer wieder von vorn anzufangen. Die ideale Planungssituation scheint die tabula rasa zu sein, das freie Feld, bei dem alles – baulich, technisch und gesellschaftlich – ‚besser’ gemacht werden sollte. Der zukunftsträchtige
Umgang mit dem, was physisch und mental vorhanden ist, war offenkundig nie sonderlich beliebt. Ich glaube, hier muss das Metier an seinen Werten und Ambitionen arbeiten!

4. Wir müssen Architektur eher als Organismus denn als Maschine begreifen

Eine Maschine steht der Umwelt in fremder Unabhängigkeit gegenüber; sie vollbringt ihre Leistung nur aus ihrer internen Logik. Ein Organismus dagegen hat einen Stoffwechsel, der ihn mit seiner Umwelt verbindet. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Zur Erläuterung: Nachhaltigkeit wird zu oft auf Innovation, Wissenschaft und Technologie verkürzt. Notwendig aber ist eine Zusammenschau, die die zahllosen Einzelergebnisse aus Naturwissenschaften und technologischer Forschung in einen neuen Kontext stellt. So hat es beispielsweise
Buckminster Fuller gemacht, indem er vor mehr als sechzig Jahren den Begriff „cosmic conceptioning“ prägte. Gemeint war die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge für Erhalt und Pflege der Lebensgrundlage nicht bloß zu erkennen, sondern im Denken und Handeln wirksam werden zu lassen – vor allem in einer präzisen Modellierarbeit von Ereignismustern, ihren Veränderungen und Transformationen. Buckminster Fullers Wirken stand unter dem Motto „How to make the world work“. Er sieht die Erde als integral konstruierte Entität an, die zum Zwecke dauerhafter Leistungsfähigkeit als Ganzes begriffen und bedient werden müsse. Allerdings fehle es an einer Bedienungsanleitung, was die Menschheit dazu zwinge, den Intellekt zu gebrauchen. Ergo: Nachhaltigkeit funktioniert nicht wie die Automobilindustrie mit ihrem so hysterisch wie permanent verkündeten „neuesten Stand“ der Fortentwicklung aller Systeme. Nachhaltige Entwicklung, ein wirklich  nachhaltiges Bauen gibt es nur als Synthese von technologisch-ingenieurmäßigen Handeln und gesellschaftspolitischen, wertebasierten und werteorientierten „Ansprüchen“.

5. Gewohnheiten und Mentalitäten sind mindestens ebenso wichtig wie High-tech-Lösungen

Eine Architektur mit dem Anspruch, etwas Integriertes, Vernetztes, Umweltbewusstes zu schaffen, bleibt letztlich ein räumliches Konstruktionsgerippe, wenn nicht subjektive semantische Energien es zu einem Bild eines anderen Lebens ergänzen können. Mit Brennwertkesseln, Solarzellen, recycelbaren Baustoffen und  Energie-Kostenvergleichen ist es nicht getan. Vielmehr und ganz entschieden handelt es sich um eine Frage der Bereitschaft, der Bewusstwerdung, der mentalen Veränderung – und dieser Frage haben sich alle Beteiligten
nicht in der notwendigen Tiefe gestellt. Kürzlich habe ich den schönen Satz gelesen: „Das energieeffiziente Gebäude und der schlampige Nutzer passen nicht zusammen.“ Insofern wäre es eine Illusion zu glauben, dass die bessere Technik (allein) es schon richten werde, wenn der Mensch selbst nicht mitspielt. Viele gutgemeinte und innovative Vorschläge seitens der Planenden verkennen offenbar tief eingefräste Gewohnheiten. Die Experten gehen von einer adäquaten und bewussten Dauernutzung aus, um die sich Bewohner und Benutzer allerdings – ob aus Unwissenheit oder Unwillen – wenig scheren, und die stattdessen auf „althergebrachte“ Werte wie Behaglichkeit und Wohnlichkeit setzen. Wenn man, um eine kleines Beispiel anzuführen, im Hochsommer um den Hackeschen Markt flaniert, so frappiert der Blick auf viele Läden und Stores, weil deren Klimaanlagen zwar auf Hochtouren laufen, ihre Türen jedoch sperrangelweit offen stehen, da sonst die prospektiven Kunden nicht einzutreten scheinen wollen. Was heißt das? Bei energetisch ‚hochgerüsteten’ Gebäuden ist das Nutzerverhalten von entscheidendem Einfluss auf den Energieverbrauch. Ist man sich dessen nicht permanent bewusst oder stellt der Regelungsbedarf selbst eine Überforderung dar, dann nützen auch die schönsten Maßnahmen wenig. Kurz gesagt: Wir optimieren die Gebäudehülle, benötigen weniger Energie – und der technische Aufwand dafür steigt ständig. Wir haben immer mehr Systeme, die redundant sind – und die Abstimmung wird immer schwieriger. Am Ende, so scheint es, wird der Nutzer immer mehr zum Störfaktor für technische Systeme. Vielleicht böte hier Schumachers Axiom „small is beautiful“ eine Art Richtschnur – weniger im ideologischen Sinne als vielmehr in seiner Tendenz, dass nicht Großtechnologien, sondern benutzerorientierte, für den Einzelnen handhabbare Systeme zu kultivieren wären.

6. Nachhaltiges Bauen braucht eine überzeugende sinnliche Präsenz

Dem nachhaltigen Bauen hängt teilweise noch immer ein Verzichtsimage nach, das nicht unbedingt zielführend und zugleich wenig attraktiv ist. Das mag darauf zurückzuführen sein, dass frühe ökologische Architektur an Wohn- und Lebensformen gebunden wurde, die den konventionellen widersprachen (Aussteigermodelle, Landkommunen). Die damaligen Öko-Häuser sahen aufgrund eines missonarischen Anspruchs so aus, wie sie eben aussahen. Auch die energetische Ertüchtigung des Bestands lässt gestalterisch – vieler guter Beispiele zum Trotz – noch viel zu wünschen übrig. Natürlich kann man mit Fug und Recht der Auffassung sein, dass Nachhaltigkeit und Ästhetik beim Bauen so viel miteinander zu schaffen haben wie die Lackfarbe eines Autos mit seinem Benzinverbrauch. Gleichwohl: Wenn man Umweltenergien sinnvoll in das Gebäudekonzept direkt oder indirekt einbeziehen will, so kann das nicht ohne Auswirkungen auf die bauliche Gestalt bleiben. Doch was soll, was kann dabei herauskommen? Ich verweise, zugegebenermaßen etwas willkürlich, auf den dänischen Architekt Bjarke Ingels. Dessen Büro, das das programmatische Kürzel BIG trägt, hat vor einiger Zeit einen großen Wettbewerb in Kopenhagen gewonnen – ein Müllheizkraftwerk in Form eines Skibergs: „Wir wollten die Idee widerlegen, dass Nachhaltigkeit zwingend mit einem Verlust von Lebensqualität einhergeht. Es gibt so eine Art protestantische Einstellung, wonach es schmerzen muss Gutes zu tun. Wir fragen, wie Nachhaltigkeit die Lebensqualität verbessern und Spaß machen kann.“ (Ingels) Und Dietmar Eberle, ebenfalls ein namhafter Architekt und Professor an der ETH Zürich, hält es für die zentrale Aufgabe, ein Haus zu entwerfen und zu bauen, „das in seiner Konstitution Qualitäten bereitstellt, die auch in Zukunft gelten werden: etwa eine gute Beziehung nach außen, frische Luft aus der Umgebung, ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit im Gebrauch, ohne banal, gestaltlos zu werden. Ich glaube, dass die Atmosphäre, die durch Gestalt entsteht, etwas ist, das ‚unendlich’ lange gültig ist. Darum spielen die klassischen Fragen der Architektur – Proportion,  Verhältnismäßigkeit, Materialität, Licht – eine Schlüsselrolle.“ Ich bin der Auffassung, dass die sinnlich-ästhetische Komponente in der gesamten Energiedebatte bislang zu kurz kam. Architektur braucht aber ein lustvolles Element. Vielleicht kennen sie den Satz: „Wer will von einem hässlichen Gebäude schon wissen, dass es tüchtig ist.“ Ergo: Nachhaltigkeit muss attraktiv und aufregend gemacht werden, sie muss vor allem weg vom Image der „grauen Maus“. Hier sind die Architekten gefragt, so sinnige wie bildhafte Lösungen zu entwerfen. Das wären meine sechs Thesen oder Forderungen. Will man unseren Patienten gesunden lassen bzw. vor weiteren Gefährdungen bewahren, so gilt es, an der kollektiven Mentalität zu arbeiten. Wir tüfteln Lösungen aus, entwickeln immer bessere Techniken, immer umfassendere Technologien – und stehen alsbald vor der absurden Konsequenz, dass der Mensch die theoretische Effizienz beeinträchtigt. Doch Gebäude sind nicht für technische Systeme da, sondern für den Nutzer. Statt die Natur durch eine technische Umwelt zu ersetzen, sollten wir sinnvolle Zusammenhänge für Bewohner und Nutzer entwickeln. Denn Architektur und Städtebau basieren zu einem guten Teil auf einem empirischen Wissen, das Entscheidungen aus Erfahrung und Beobachtung herleitet. Markenzeichen eines solchen Bewusstseins ist, dass man sich innerhalb des (Vor)Wissens bewegt, sich ‚haushaltend‘ damit auseinandersetzt, dass man Anwendung, Zweck und Gebrauch bedenkt, vorhandenen und möglichen Widersprüchen begegnet und gleichwohl nach der Gesetzmäßigkeit sucht. Aufhören will ich mit einem knappen, überzeugenden, programmatischen Satz – der leider nicht von mir stammt. Er lautet: „Nachhaltig ist das Bauen, wenn es dauerhaft und schön ist: Dauerhaft, weil es dann stehen bleibt, und schön, weil man es stehen lässt.“

 

Festvortrag anlässlich der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur am 14. November 2012 im Niedersächsischen Landtag