Festvortrag

Die Öffentlichkeit - nur ein Phantom?

Nils Ballhausen, Berlin

Sehr geehrte Frau Ministerin Rundt, sehr geehrter Herr Kammerpräsident Schneider, sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist mir eine Ehre und auch ein Vergnügen, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Eine Ehre, weil der Niedersächsische Staatspreis zu den bedeutenden Architekturpreisen in Deutschland gehört. Ein Vergnügen, weil ich selbst in Niedersachsen geboren und aufgewachsen bin. Falls es jemand genauer wissen möchte: in Südniedersachsen! Und noch genauer: im Landkreis Göttingen. Bitte unterscheiden Sie aber zwischen der protestantisch-hannöversch geprägten Region um Göttingen und dem katholisch-kurmainzisch geprägten Eichsfeld weiter östlich. Beide Teile, das können Sie sich denken, lieben einander nicht; doch die Kreisreform von 1973 war stärker. Ich erspare Ihnen weitere lokalgeschichtliche Besonderheiten. Auch deswegen, weil unser Bundesland, dieses etwas artifizielle Identifikationsgebilde, eines beweist: eigenartige Regionen lassen sich durchaus unter einem Namen versammeln. "Niedersachsen" lässt in dieser Hinsicht für "Europa" hoffen.

Meinen kleinen Rückgriff ins Biographische verstehen Sie bitte nicht als Eitelkeit! Für mich ist es dadurch nur einfacher nachzuvollziehen, wie sich das Verhältnis von öffentlich und privat in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert hat.

Im Ort meiner Kindheit hatten die Jungs genau drei Zugänge zu organisierter Freizeit: Schützenverein, Fußballverein, Messdiener. Der erste Öffentliche Raum meines Lebens war der Fußballplatz. Ich habe ihn vom 6. Bis zum 13. Lebensjahr regelmäßig aufgesucht, freiwillig. Dort durfte man Tag und Nacht ohne Aufsicht spielen, sich unterhalten, trainieren, faulenzen, etwas ausprobieren, sich streiten, wieder versöhnen oder Sammelbilder tauschen. Eine Agora!

Manchmal kam ein Ehrenamtlicher vorbei, mähte den Rasen und zog die Linien des Spielfelds nach - das war es auch schon an Gestaltung. Ansonsten traf man auf diesem Platz ausschließlich die anderen Fußballjungs des Ortes, keine Schützen und nur ganz selten Messdiener. Dies war, wie ich heute weiß, das Wichtigste für uns alle: einer gemeinsamen Sache zusammen mit Gleichgesinnten nachzugehen, ohne Angst vor Verdrängung und Überwachung. Zugegeben: Das alles fand in einer übersichtlichen, WLAN-freien Welt statt, in der Kinder von ihren Müttern über hunderte Meter hinweg zum Abendbrot gerufen werden mussten. Niedersachsen war ja schon damals ein Flächenland.

Je nach Herkunft, Alter und Neigung mögen andere Menschen ähnliche oder auch ganz andere Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben. Alle Individuen haben ihren speziellen Erfahrungsraum, und genau das ist der Grund, weswegen unter den Begriffen "Öffentlichkeit" und "Öffentlicher Raum" jeder und jede etwas anderes versteht. Ist die Öffentlichkeit ein Phantom, das womöglich aus unzähligen Fantasien besteht und immer wieder neu gedeutet werden muss?

Einen solchen Deutungsversuch unternahm kürzlich die Ausstellung "DEMO:POLIS - Untertitel: Das Recht auf Öffentlichen Raum". Sie war bis vor wenigen Tagen in der Berliner Akademie der Künste zu sehen und umkreiste einige aktuelle Fragen zum und Projekte im Öffentlichen Raum. Der Einführungstext zu Beginn des Rundgangs lieferte diese Definition: "Der Öffentliche Raum ist ein durchgehendes räumliches Gefüge, in dem jeder das Recht hat, sich frei, zu jeder Tageszeit, unbehindert und anonym zu bewegen, um Kontakt zu anderen Menschen sowie Zugang zu Einrichtungen und der Umgebung zu erhalten."
Und weiter heißt es: "Der öffentliche Raum ist ein Kommunikationsmedium. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wird zuallererst im Öffentlichen Raum wahrgenommen. Dies ist nur möglich, wenn die Person, die frei sprechen möchte, dies ohne Überwachung, Unterdrückung oder Angst vor Vergeltung tun kann."

Dies könnten wohl die meisten hier Anwesenden unterschreiben. Man denkt bei freier Meinungsäußerung an charismatische Menschen, die sich im Londoner Hyde Park auf eine Kiste stellen und die freie Rede ausüben. Aber eine "Speakers' Corner" gibt es seit dem Jahr 2000 sogar im Hong Lim Park im Stadtstaat Singapur, dieser hyper-regulierten, superkapitalistischen Metropole, die aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt als Musterdemokratie gilt. Todes- und Prügelstrafen werden noch immer vollstreckt, denn nicht nur Kaugummi ist dort verboten. Anfangs mussten sich die Redner noch bei der Polizei registrieren und ihre Themen vorab zur Begutachtung einreichen. 2009 installierte die Polizei eine Videoüberwachung, "zur allgemeinen Sicherheit". Reden dürfen ausschließlich Staatsbürger Singapurs. Gesprochen werden muss in einer der vier Amtssprachen. Hinzu kamen noch viele weitere inhaltliche Regularien, die diverse Themen von vorne herein ausschlossen, zum Beispiel Fragen der Religion. Deswegen klangen die Redebeiträge wohl ziemlich ähnlich und die Zahl der Redner nahm immer weiter ab. Heute untersteht die Speakers' Corner der Nationalen Park- und Grünflächenverwaltung, bei der die Anträge auf Redezeit per Onlineformular eingereicht werden können.

Solch eine "Redner-Ecke" diente im England des 19. Jahrhunderts als Ventil für brisante gesellschaftliche Verhältnisse und sie half mit, soziale Schieflagen auszubalancieren. In Zeiten internetbasierter Meinungsströme ist sie zu einer skurrilen Folklore geworden, hat sich verwandelt von einem Instrument der freien Meinungsäußerung zu einem bloßen Symbol für freiheitlichen Geist und Toleranz einer Gesellschaft. Das Beispiel in Singapur zeigt, dass es Zwischenformen gibt, die weder das eine (Instrument) noch das andere (Symbol) sind. Das Paradoxe: Wo heute eine "Speakers' Corner" eingerichtet wird, da benötigt man sie nicht mehr. Und am weitesten von einer "Speakers' Corner"  entfernt liegen zurzeit Pjöngjang, Peking und Riad.

Doch zurück nach Deutschland, genauer: nach Dresden. Die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" sind ebenfalls der Meinung, dass der Öffentliche Raum ein "Kommunikationsraum" ist. Und sie benutzen ihn genau so. Im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling 2011 sprach man von einer "Renaissance der Plätze". Auf dem Tahrir-Platz in Kairo mag längst wieder der Normalzustand eingetreten sein, doch der Theaterplatz in Dresden ist durch die zahlreichen "Pegida"-Aufmärsche der letzten Jahre von einem eher beschaulichen touristischen zu einem politischen Platz geworden sind. Perfide und raffiniert zugleich ist es, dass die frustriert wirkenden Angstbürger den einst doch mutigen Slogan "Wir sind das Volk!" der DDR-Bürgerrechtsbewegung von 1989 benutzen. In Form einer politischen "Mimikry" setzen sie eine formale Tarnung ein (Schwarz-Rot-Gold!), um sich einzubinden in einen - allgemein akzeptierten - positiven historischen Hintergrund. "Pegida" ist in dieser Hinsicht nichts anderes als die Speakers' Corner von Singapur: Die schlechte Kopie einer guten Intention.

Bleiben wir noch etwas im politischen Öffentlichen Raum, mit seinen ganz eigenen Komplikationen. Die Demokratiebewegung der DDR, die die Pegida-Mitläufer so dreist imitieren, ist ihrerseits hierzulande noch nicht eindeutig zu interpretieren. In Leipzig und in Berlin sind zwei Wettbewerbe zur Gestaltung von Einheits- und Freiheitsdenkmälern krachend gescheitert. Beide hätten in einem symbolbeladenen Öffentlichen Raum entstehen sollen. Doch weder die so genannte "Einheits-Wippe" an der Berliner Schlossfreiheit noch die interaktive "Spielwiese" am Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz konnten die Öffentlichkeit, in deren Namen sie initiiert wurden, von ihrer Existenzberechtigung überzeugen. Was in einem lokal begrenzten Kontext längst funktioniert - diverse Grenzmuseen oder "Stasi"-Gedenkstätten beweisen es -, löst im übergeordneten Maßstab eines "Staatsbauwerks" Konflikte aus. Allzu differenziert werden noch immer die Hintergründe und die Motive der Akteure betrachtet, allzu präsent sind noch die Zeitzeugen, allzu gegensätzlich die Meinungen darüber, was vor 27 Jahren zwischen Warnemünde und Zittau überhaupt passiert ist. Ein Nationaldenkmal kann aber per se nicht differenzierend sein. Es muss vereinfachen. Und seine Aussage muss die Meinung, zumindest aber die Stimmung der Mehrheit repräsentieren. Die beiden Denkmalprojekte in Berlin und Leipzig mussten scheitern, weil es in dieser Frage keine öffentliche Mehrheit gab und gibt. Viel wahrscheinlicher als ein Nationaldenkmal für Freiheit und Demokratie ist - seien wir ehrlich - ein Denkmal für "unsere Helden" von Rio 2014.

Kann der Öffentliche Raum also nur eine Mehrheit repräsentieren? Das wird heute niemand mehr offen fordern. In der Demokratie ist es selbstverständlich, dass die Gesellschaft möglichst in allen Facetten "abgebildet" wird. Zudem ist es gar nicht mehr so einfach, eine Mehrheit zu finden. Die Zersplitterung der demokratischen Gesellschaft hat in den letzten Jahren rasant zugenommen - und das betrifft nicht allein die Parteienlandschaft. Unsere Partikularinteressen, und seien sie noch so randständig, lassen sich dank der digitalen Vernetzung problemlos bündeln und organisieren. War man vor 30 Jahren der einzige im Dorf, der eine bestimmte Musikrichtung liebte, so ist es heute selbstverständlich, sich darüber mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt auszutauschen - ohne sich aus dem Dorf wegzubewegen. Kompromisse mit denjenigen zu schließen, die einen anderen Geschmack oder eine andere Meinung haben, wird damit irrelevant; vielleicht wird diese Fähigkeit zum Kompromiss sogar verlernt. Konflikten auszuweichen war wohl nie so einfach wie heute. Dieser Wandel des individuellen Kommunikationsraumes muss Auswirkungen auf den Öffentlichen Raum haben. In unserem Ideal lebt dieser ja genau davon, dass hier die Unterschiede aufeinandertreffen und Konflikte verhandelt werden. Die eigene Beobachtung zeigt jedoch das Gegenteil: Im Öffentlichen Raum herrschen die Harmonie und die Homogenität vor. Eine harmonische und homogene Masse ist nicht zuletzt gut für das Geschäft, das sehen die Betreiber der "Fan-Meile" genauso wie die Zielgruppen-Analytiker von Google. Je segmentierter die Gesellschaft, umso leichter lässt sie sich durchleuchten und auswerten. Um die medial erzeugte Vereinzelung zu kompensieren (oder zu verschleiern?), müssen hin und wieder Events durchgeführt werden, am besten vor "authentischen" Kulissen und mit Superstars. In solchem Rahmen können sich die sonst nur virtuell vernetzten Individuen entspannt begegnen - auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und flankiert von professionellem Catering und Entertainment.

Im Land Brandenburg gibt es eine Kleinstadt mit rund 80 Geschäften, einer gepflegten Fußgängerzone und einer Million Besuchern im Jahr. Die Kleinstadt heißt "Designer Outlet Berlin" und befindet sich am Rand der Döberitzer Heide, etwa 40 Kilometer westlich vom Berliner Alexanderplatz. Die Einhausungen der Marken-Boutiquen wurden von dem Potsdamer Architekten Moritz Kock relativ aufwendig gestaltet. Sie imitieren Versatzstücke märkischer Bauformen, Backstein und Fachwerk, das Stadttor und ein bisschen Sanssouci. In den Obergeschossen befindet sich Lüftungstechnik, hinter den grün gestrichenen Gattern bellt kein Hund, dort liegen die Feuerwehrzufahrten. Es wirkt so, als habe unser Unterbewusstsein die Erlebnisse einer Landpartie zu einem Traum verarbeitet. Das Gegenteil von einem Öffentlichen Raum, wiederum Mimikry, und trotzdem - oder gerade deswegen? - überaus beliebt. Die Klientel kommt aus dem In- und Ausland, ist aber trotzdem homogen: preis- und markenbewusste Mittelschicht auf Schnäppchenjagd.

Nach Besuchen diverser "Outlet-Center" ist mir klar geworden, warum dieses Konzept in den letzten Jahren so populär geworden ist: Es vereint die Dimension einer Kleinstadt (menschlicher Maßstab!) mit dem Angebot der Großstadt (Markenware!). Es kombiniert ein Mindestmaß an Bewegung (Parkplätze vorhanden!) mit der stimulierenden Aussicht auf Belohnung (Sparen!). Der menschliche Jagdtrieb vollzieht sich in vorsortierten Kategorien, ähnlich wie in einem Online-Shop, nur dass man hier alles anprobieren kann. Zwischendurch geht man an frischer Luft (Rauchen erlaubt!) und in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten (ohne Bettler!). Die erlernten Formen des urbanen Konsumierens sind wieder erkennbar, aber befreit von allen "störenden" Elementen und Konflikten. So sieht für viele Menschen die Idealstadt aus.

Eine andere Form von Idealstadt, eine "von unten", wenn man so will, ist der "Prinzessinnengarten" am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg . Er steht stellvertretend für die zahlreichen Initiativen, die sich in den vergangenen Jahren auf urbanen Restflächen angesiedelt haben. Dort spürt man der Wunderwelt des Pflanzenwachstums nach und feiert das Kartoffel- und das Erntedankfest. So lange, bis der Investor erwacht. Ist dies etwa ein Öffentlicher Raum? Immerhin gibt es Öffnungszeiten und Aufsichtspersonal, genau so wie im Outlet-Center. Doch diese gartenmarkt-ähnlichen Areale dienen - wenigstens auf dem Papier - zur Nachbarschaftsintegration und sind nicht-kommerziell angelegt. In der Praxis beobachtet man zwar auch hier eine eher homogene Nutzerschaft; aber wer kann ausschließen, dass der Alkoholiker von nebenan sich durch geduldigen Anbau von Möhren und Radieschen zur Umkehr bewegen lässt? Die Intention solcher urbaner Gärten ist klar: Mitten in der Großstadt leben und trotzdem eine Fühlung zur Natur behalten. Einen Ort für Gleichgesinnte definieren. Mit Landwirtschaft haben diese Projekte so viel zu tun wie das Outlet-Center mit einer Stadt.

Ich möchte noch einmal auf die eingangs erwähnte DEMO:POLIS-Austellung zurückkommen. Dort wurde nämlich auch gefragt: "Wer gestaltet den öffentlichen Raum?" Die Antwort der Kuratoren: "Der Öffentliche Raum entsteht durch öffentliche Zustimmung. Er wurde bislang von Vertretern der Öffentlichkeit gestaltet, errichtet, instand gehalten und verändert. Der Öffentliche Raum erfüllt die symbolischen Bedürfnisse der Öffentlichkeit. --- In Zukunft wird der Öffentliche Raum von der Öffentlichkeit gestaltet."

Was bedeutet denn das nun wieder? Dass Architekten und Stadtplaner in der "DEMO:POLIS" arbeitslos sind?

Wer "die Öffentlichkeit" ist, werden wir auch nach diesem Vortrag nicht genau wissen. Nach meiner Beobachtung neigt "die Öffentlichkeit", wenn man sie einfach so machen lässt, dazu, vereinfachte, konfliktbereinigte Räume zu erschaffen, in der sich eine homogene Mehrheit wohl fühlt. Das ist menschlich verständlich, schließt aber zu viel von dem aus, was zum Leben dazugehört. Mit Vereinfachung jedenfalls ist der Welt auf Dauer nicht beizukommen.

Als Architekten sind Sie ihren Bauherren verpflichtet - ebenso wie der Öffentlichkeit, ganz gleich, ob Sie öffentliche Bauten planen oder Privathäuser. Nutzen Sie Ihre Fähigkeit, die Komplexität der Welt zu erfassen und sie zu übersetzen in kluge Räume. Klug sind Räume dann, wenn sie offen sind für unterschiedliche Öffentlichkeiten; nicht gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt. Könnte eine Schule nach Schulschluss nicht zum abendlichen Quartierstreffpunkt werden? Wann werden in der Schulmensa Kochkurse angeboten? Wie kann ich die Stadtteilbibliothek für private gemeinschaftliche Filmabende nutzen? Die Verkaufsagung im Stadtarchiv durchführen? Wann gibt es endlich Kaffee und Kuchen auf dem städtischen Friedhof? Diese Räume sind ja alle schon da! Reden wir doch statt von Zweck-Entfremdung lieber von Zweck-Erweiterung.

Zum Schluss ein Appell: Unterstützen Sie - als Planer, Politiker oder Kommune - mit Ihrem Know-how vor allem diejenigen, die der Tendenz zur Vereinzelung und zur Vereinfachung etwas entgegen setzen und in Öffentlichen Räumen etwas Neues ausprobieren wollen! Zapfen Sie deren Wissen an, um lokale Eigenheiten und Zusammenhänge zu verstehen! Sortieren Sie professionell deren Ideen und Bedürfnisse, ordnen Sie die Funktionen, nur: Versuchen Sie bitte nicht, es allen recht zu machen. Alle - die gibt es nämlich gar nicht mehr!