WOHNEN IM WANDEL. BAUEN FÜR GENERATIONEN. Beobachtungen zu einem Architekturthema

von Dr.-Ing. Ursula Baus, Stuttgart

 

Wie wandelt sich in unserer Wohlstandsgesellschaft "das Wohnen"?  Eine wachsende Vielfalt in der Art, wie Menschen zusammenleben, legt nahe, über veränderten Wohnformen zu diskutieren. Aber wandelt sich "das Wohnen" wirklich in einer Art und Weise, der Architekten gerecht werden oder die sie sogar beeinflussen können? Was verstehen wir heute überhaupt unter "dem Wohnen"? Wie wird es verhandelt?

Wir könnten nun die Geistesgrößen von Plutarch über Kant bis Heidegger und den kürzlich verstorbenen Ulrich Beck bemühen. Wir könnten uns daran erinnern, das unsere Eltern, die zwischen 1920 und 1930 geboren sind, typischerweise eine Familie mit drei lieben Kindern gründeten und ein Häuschen bauten. Die Mutter lebte als Hausfrau zuhause, der Vater arbeitete sein Leben lang bei der Sparkasse als Filialleiter, als Popel fuhr er einen Opel und bekam später Rente. Die Großeltern waren gelegentlich zu Besuch – es gab Hochzeiten und Begräbnisse. Und dann war's das. Mancher Vater war im Krieg gewesen, und es gab mit den mündig gewordenen Kindern Konflikte. Weil der Nachwuchs wissen wollte, was denn damals, vor und im Krieg, eigentlich los war. Die Vertreter jüngerer Generationen unter uns haben keine Eltern, die im Krieg waren. Sondern solche, die vom Wirtschaftswunder profitierten, die Demokratie übten und sich im Kalten Krieg und nach der Wende recht gemütlich einrichteten. Nun müssen wir gerade feststellen, dass vom Wirtschaftswunderkuchen, von dem wir alle leben müssen, nur noch Reststücke übrig sind – und die essen andere auf. Sozioökonomische Veränderungen, die nicht zuletzt aus Wirtschaftskrisen resultieren, führen dazu, dass Arm und Reich in ihren Lebensperspektiven auseinander driften, bestimmte Städte und Regionen unter Bevölkerungsschwund leiden, andere jedoch wachsen und teuer werden. In den Wachstumsregionen könnten wir, wenn es ums Wohnen geht,  Marie Antoinettes Bonmot "Sie haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen" abwandeln:  "Sie suchen vergeblich eine Wohnung? Dann ziehen Sie doch nach München".

"Das" Wohnen

Generell bevorzuge ich, Verben, die substantiviert und damit teilweise neutralisiert werden, wieder an handelnde Personen zu knüpfen. Im Hinblick auf die angesprochenen Veränderungen sollten wir uns also fragen: Wer wohnt heute wie? Und warum wo? Aus den geänderten sozioökonomischen Prämissen ergibt sich zwangsläufig eine größere Vielfalt von Lebensweisen als, sagen wir, vor fünfzig, sechzig Jahren. Tatsache ist: Die Bevölkerung schrumpft, während wir immer mehr Wohnraum in Anspruch nehmen. Von 15 Quadratmetern nach dem Krieg wuchs der durchschnittliche Pro-Kopf-Bedarf auf inzwischen 47 Quadratmeter. Wie läßt sich dies erklären?

Zunächst muss man die Durchschnittlichkeit als Kriterium aufschlüsseln. Denn es ist zu kurz gegriffen, einfach auf steigenden "Wohlstand" und veränderte Haushaltgrößen zu verweisen. So liegt es nahe, etwas konkreter zu werden und ein paar skurrile, sozioökonomisch jedoch aufschlussreiche Splitter aus deutschen Wohnverhältnissen im November 2014 zusammenzutragen.

Kinder- und Verkehrswelten

Die Süddeutsche Zeitung befragt Mitte November 2014 fünf Babysitter. Für unser Architektur- und Städtebauthema bemerkenswert ist die Auskunft einer babysittenden Lehramtsstudentin, 24 Jahre alt: Anfangs seien die Eltern des kleinen Eliott sehr vorsichtig gewesen. "Wir haben sogar einen richtigen Vertrag geschlossen, in dem stand, dass ich nicht mit ihm U-Bahn fahren darf, nicht auf den Balkon, nicht auf fremde Spielplätze und so was alles. Ich kann das verstehen. Immerhin gibt man sein Kind einem wildfremden Menschen. Und Kinder in der Stadt wachsen anders auf".  Wieso kann eine 24 Jahre alte Lehramtsstudentin in unserer Gesellschaft 2014 eine "wildfremde Person" sein, wo doch Facebook und Twitter und alle Suchmaschinen uns angeblich zu gläsernen Menschen machen? Realiter scheint uns dieses "Gläserne", um im Bilde zu bleiben, nur mit einem Spiegelbild zu konfrontieren. Abgrundtiefes Misstrauen statt Mitmenschlichkeit und Vertrauen ist gerade dort zu beobachten, wo immer mehr Transparenz und Selbstoffenbarung an die Öffentlichkeit geraten.

In welchem Kontext wachsen Kinder hierzulande auf? Genauer gefragt: Wie sieht der öffentliche Raum aus, in dem Kinder abseits von Facebook und Twitter soziale Fähigkeiten entwickeln sollen? Landesweit ist eine absurde Entwicklung zu beobachten: Mütter fahren ihren schulpflichtigen, läuffähigen Nachwuchs mit SUVs, die harmlose Straßen in militärisch dominierte Kampfzonen verwandeln, von der XXL-Garage oder vom Bürgersteigparkplatz, weil die hauseigene Garage zu klein geworden ist, bis vor die Klassentür. So bescheren diese Hausfrauenpanzer vor den Schulen die unfallträchtigsten Statistiken seit Jahrzehnten.

Der Wahnsinn hat Methode, weil Kinder – auch mit markenkonformen Bobbycars – früh an das Auto gebunden werden. Sie wachsen in eine Mobilitätsart hinein, die unseren Städten unzulässig hohe Feinstaubwerte, Lärm und reale Unfallgefahren beschert. 2013 gab es in Deutschland etwa 13 Millionen minderjährige Kinder. Und laut Kraftfahrtbundesamt 43,3 Millionen zugelassene Pkws.

Welche Konsequenzen hat das insgesamt für den öffentlichen Raum? Hier herrscht vielerorts ein Verdrängungskrieg, in dem vor allem Kinder die ganz großen Verlierer sind. Straßen verschwinden unterm Autoblech, auf den Bürgersteigen reiht sich Drahtesel an Drahtesel – für den zweibeinigen Menschen bleibt immer weniger Gehfläche übrig. Und für Kinder mit einem Ball schon gleich gar nichts, denn ein Ball könnte eine Garagentür schädigen, eine Autoscheibe zu Bruch gehen lassen oder Dellen im Blech hinterlassen.  Und apropos Statistik. Die Zahlen dazu, wie viele Kinder auf Deutschlands  Straßen leben, schwanken zwischen 3000 und 5000.

Die Alten

In der gleichen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung schrieb Heribert Prantl in der Titelgeschichte "Aufschrei gegen den Pflegenotstand. Eingesperrt, ruhiggestellt, verwahrlost" davon, dass sieben Beschwerdeführer in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde gegen den Pflegenotstand in Deutschland einlegen. Ein paar Zahlen: Derzeit leben etwa 3,5 Millionen Menschen in Deutschland, die älter als achtzig Jahre sind. 2050 sollen es zehn Millionen sein. Gegenwärtig sind 750.000 Menschen in stationärer Pflege untergebracht. Hochgerechnet könnten es 2050 etwa zwei Millionen sein. Das Ausmaß der Missstände in Pflegeeinrichtungen sei heute so groß, "dass sie nur in einer grundlegenden Reform in den Griff zu bekommen sind." Die Klageschrift lese sich, so Prantl, dem sie vorlag, juristisch wagemutig und spektakulär, vor allem aber menschlich bewegend.

Zitiert werden als Kläger die Angehörigen einer Demenzkranken: "Die Bewohner seien nur alle vier Wochen geduscht worden, es gebe keine Zahnpflege, die Alten mussten oft in verkoteten Windeln oder verkoteter Kleidung stundenlang ausharren, Medikamente wurden nicht oder nur unzuverlässig verabreicht, Notrufe nicht beachtet; in der kalten Jahreszeit  wurden die Bewohner von 18 Uhr an in ihren Zimmern eingeschlossen. Als alle Versuche scheiterten, die Situation zu verbessern, übernahmen die Angehörigen die Pflege selbst". Man erbitte, so die Verfassungskläger, "Hilfe in schreiender Not".

Im Politik-Teil der gleichen Ausgabe des Blattes hieß es: Wenn die Prüfer kommen, schneiden fast alle Pflegeheime gut ab. Aber wer oder wieviele in unserer Altengesellschaft können sich das leisten, was man "Premium-Residenz" nennt und eine beschönigte Form des Alterns vorgaukeln? Es ist leider nicht jeder alte Mensch, wie man, aufs wesentliche gekommen, so sagt: Oben klar und unten dicht.

In den besten Jahren

Wie wollen, wie können wir in der Blüte unserer Jahre leben? Zu den Wohnverhältnissen: 2012 gab es in Deutschland 15,3 Mio Einfamilienhäuser, Tendenz steigend.  Rund 29,5 Millionen Menschen leben im Eigenheim, 26 Mio in eigenen vier Wänden –  immer mehr davon im Fertighaus.  Der beliebteste Typ trägt den Namen Flair, die anderen heißen: Variotoscana, Hommage, Top Star. Was sich Marketingexperten als Namen für einfache Wohnhäuser einfallen lassen, ist manchmal kaum zu glauben. Dazu gehört, wie die Anreize zur Innenraumveränderung geschaffen werden. Mit dem, was die Bau- und Einrichtungsindustrie herstellt, wird das Wohnzimmer zur Living Landscape, die Küche avanciert zum Hightec-Labor, die Badestube veredelt man zur Wellness-Oase. Riesige Möbelmärkte, Baumärkte, Boutiquen und all die populären Wohnblätter versprechen ein besseres, schöneres Leben in den eigenen vier Wänden, verkaufen aber im wesentlichen die Millionen Dinge, die keiner braucht – und deswegen im Müll beziehungsweise auf dem Sperrmüll landen. Solche Wohlstandswohnverhältnisse passen in einen kulturellen Kontext, in dem der heute chirurgisch und eines Tages genetisch optimierte Mensch sich im Alter als Wegwerfware begreifen könnte. Fertighausindustrie und Bauträger wissen mit einem Optimierungs-Slang Begehrlichkeiten zu wecken und mittels Lobbyarbeit Einfluss darauf zu nehmen, dass immer wieder neue Einfamilienhausgebiete ausgewiesen werden. Ihr Credo: Nur mit Abriss und Neubau sei die "Wohnungsnot" zu lindern. Wie diesem Lobbyismus endlich ein Ende bereitet werden kann: Das sollte die Politik rasch in Angriff nehmen.

Um konkret zu werden: Wenn Bauträger wie eine Firma mit dem Namen "Baustolz" ihre recht simplen Reihenhäuser in Poing bei München als "Arkadien" vermitteln und mit der Adresse "Im Zauberwinkel" zu adeln suchen: Bei solcher zugespitzt gesagt: Baubarbarei sollte der Verbraucherschutz einschreiten. Für 125 Quadratmeter Wohnfläche auf 121 Quadratmetern Grundstücksfläche an einem eher reizfreien Ort zahlt man 552.000 Euro. Solche Bauträger wissen den Bedarf junger Familien zu nutzen, die in den Städten keine adäquaten, bezahlbaren Wohnverhältnisse mehr finden. Denn seit Städte für das Generationen-Wohnen entdeckt wurden, zieht die reiche Karawane in die vermeintlich urbanen Milieus – und verdrängt die anderen, die sich die Stadt nicht mehr erlauben können, ins Umfeld. Wo sich Gemeinden über jeden freuen und bedenkenlos neues Einfamilienheim-Bauland ausweisen. In Poing gibt es übrigens Babymassage-Kurse, Zumba-Tanz-Workouts für Mütter und Kochabende für engagierte Väter. Die Gemeinde übernimmt die Haftpflichtversicherung für: Babysitter.

Das ist nicht überall in der Republik so, weil der ökonomische Druck extrem unterschiedlich ist. Aber doch repräsentativ für ein kollektives Wohnbewusstsein, das der Kritiker Niklas Maak in einem neuen Buch, in dem seine jahrelangen Beobachtungen gebündelt sind, beklagt. Diese Entwicklung ist keine Frage des Generationen-Wohnens im Sinne der Lebensphasen. Sondern eine Folge dessen, dass Arm und Reich sich Bau- und Wohnflächen streitig machen und die Gesellschaft keinen Konsens mehr sucht, um mit ihren knappen Gütern – unbebauter Fläche und guter Infrastruktur ­– etwas Vernünftiges anzufangen. Sie überlässt es weitgehend denen, die in der freien Bauwirtschaft ihren Profit erwirtschaften wollen. Wer sollte es der Privatwirtschaft verdenken, dass sie gewinnorientiert arbeitet?

Zuwanderer

In allen Nachrichten wird zur gleichen Zeit das Elend der Flüchtlinge angesprochen, die aus anderen Kontinenten unter lebensgefährlichen Bedingungen zum Beispiel aus Syrien nach Europa kommen, auch nach Deutschland. Sie leben hier im November noch unter freiem Himmel, in Zelten, in Turnhallen. Leerstehende Hallen könnten die Not lindern, doch die deutsche Baubürokratie gibt zu bedenken, dass Wohnen in Gewerbegebieten rechtlich nicht vorgesehen ist. Eine groteskes Aperçu dazu: In einigen Gegenden Deutschlands werden jährlich immer noch tausende Wohnungen zerstört. Offiziell heißt dies: "Rückbau" mit staatlicher Förderung, um den Restbestand mit marktgerechtem Komfort auszustatten. Erfreulich ist, dass in vielen Städten und Dörfern private Initiativen den Flüchtlingen helfen. Sich selbst organisierende Gruppen sind handlungsfähig – wir verabschieden uns gerade vom Sozialstaat, dessen lobbygelenkte Handlungsrichtlinien bisweilen Besorgnis erregen: Der Politik und der Wirtschaft scheinen nur solche Flüchtlinge recht, die jung, gut ausgebildet, arbeitsfähig und am besten auch der deutschen  Sprache mächtig sind. Eine weitere Groteske: Will Marshall überlegt mit seinem "Planet Labs", wie man auf dem Mond eine funktionierende Demokratie aufbauen könnte. Man könnte hier von einer pragmatischen Utopie sprechen. Lebensformen, um die es auf Erden gerade schlecht bestellt sind, werden exterritorialisiert. Mancher mag einwenden, dass manches hier angesprochene Beispiel intentional gewählt und nicht repäsentativ sei. Dem darf man jedoch entgegenhalten, dass sich in diesen Beispielen die Probleme paradigmatisch offenbaren.

Generationen

Wenden wir uns jetzt den Generationen zu. Wer kann und will mit wem auf welche Weise leben? Worüber reden wir bei Generationen? Man unterscheidet in unserem Zusammenhang zwei Arten von Generationen. Zum einen gibt es die "Lebensphasen-Generationen". Gemeint sind damit Lebewesen, die zu anderen ihrer Art in aufsteigender oder absteigender Linie durch Abstammung verbunden sind.

Solche Lebensphasen-Generationen überlappen sich durch Kontinuität der täglich Neugeborenen. So hätte man es mit Tagesgenerationen zu tun, denn täglich kommen Kinder zur Welt – und wir debattieren täglich über Kinder, Eltern, Oma und Opa. Etwas komprimiert und bereits in Bauaufgaben bürokratisiert heißt das: Säuglinge, Kindergartenkinder, Schulkinder, Heranwachsende, junge Eltern oder eben Nicht-Eltern und so weiter. Um Charakterisierungen und Konflikte in diesen lebenszeitlichen Generationsphasen kümmern sich Soziologen und Psychotherapeuten – und natürlich die Konsumindustrie, die mit ihren Verlockungen auf die alleinerzeihenden Mütter und Väter, auf die Patchworkfamilien und vieles mehr sehr subtil einzugehen weiß und wieder Bedürfnisse weckt, die mit den realen Lebensbedingungen alleinerziehender Elternteile meistens nichts zu tun haben. Zum andern geht es um Generationen im Sinne von Altersgruppen. Damit sind Menschengruppen gemeint, die etwa zur gleichen Zeit geboren sind oder eine spezifische, historisch-sozioökonomische Konstellation als zeitbezogene Ähnlichkeit aufweisen. Denn es gibt die Zeitlichkeit von Kultur, Poltik und Wirtschaft, die andere Maßstäbe der Generationsidentitäten bedingt, die anders abläuft als die individuelle Menschenzeit. So gab es natürlich "die 68er", aber auch die 1966 und 1970 Geborenen. Um solche Generationstypen kümmern sich Philosophen, Historiker und Soziologen. Wie Wilhelm Dilthey im 19. Jahrhundert oder Karl Mannheim 1928 in seinem Buch "Das Problem der Generationen". Soziologen diagnostizieren in unserer pluralistischen  Gesellschaft gerade eine Inflation von Generationsbegriffen. Die Generation Golf, die Generation Praktikum, die Generation Prekär, die Generation Maybe, die Generation Skepsis, die Generation "Keine Ahnung" – und, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel  im November 2014 auf dem Titel verkündete: die Generation Merkel.

Es gab immer alte Menschen, um die man sich kümmern musste, weil sie gebrechlich, vergesslich, schwach geworden waren. Es gab immer Kinder, die Eltern an den Rand des Wahnsinns trieben. An der "Natur" des Menschen ändert sich eigentlich nicht so schnell etwas, ohne dass von irgendwelchen anthropologischen Konstanten die Rede sein sollte. Viele Akteure in unserer globalen Ordnung oder Unordnung – wie man's nimmt – verändern vielmehr unsere Lebensbedingungen und -ziele in einem Tempo, das uns überfordert. Die abstrusen Tendenzen, die eingangs angedeutet wurden, und die Inflation der Generationsdiagnosen zeigen dies nur zu gut. Es sind Wertevorstellungen, die sich erstaunlich schnell ändern, ohne dass wir uns Zeit dafür nehmen könnten, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens im Auge zu behalten. Politisch werden diese schnellen Werteveränderungen gern neutralisiert, indem sie phänomenologisch entwertet werden. Man redet dann nicht von Altersarmut und Pflegenotstand, sondern von einem demografischen Wandel, der einem ganz plötzlich als Herausforderung bewusst wird. Um die Zahlen der jetzt und in Kürze Alten wusste man jedoch schon vor Jahrzehnten. Auch die Alterspyramide war bekannt.

Um welche Generationsthemen kümmern sich nun Architekten? Worüber reden wir, wenn wir "für Generationen" bauen?  Die Lebensphasen-Generationen oder die kulturell definitierten Generationen? Natürlich um beide. Alte und Junge. Arme und Reiche. Stadtschwärmer und Landpommeranzen. Das reiche Geschmacksbürgertum und die mittellosen Einwanderer. Es ist vor diesem Hintergrund natürlich löblich, dass sich die Auslober eines Staatspreises für Architektur um das Bauen für Generationen kümmern. Aber was kann überhaupt das Ziel sein, wenn die gesamtgesellschaftliche Beschaffenheit in einer Schieflage gelandet ist? Wenn die Generationengerechtigkeit auch im Rentensystem nicht mehr gilt?

Technisierung

Für Stadt- und Architekturentwicklung wird leider immer wieder nur auf technische Lösungen  im Sinne eines Konjunkturpakets gesetzt. Ganz Bayern, so Horst Seehofer, solle barrierefrei umgebaut werden. Gab es im 20. Jahrhundert die autogerechte Stadt, ist das 21. Jahrhundert die behindertengerechte?

Latent beschert die Technisierung des Alltags eine unheimliche Entmenschlichung. Im Sinne einer Wirtschaftsentwicklung rücken menschliche Arbeitskräfte immer mehr in den Hintergrund, mehr noch: Sie sind Störfaktoren. Wurde doch beim Lokführerstreik auch wieder angesprochen, dass die Züge längst automatisiert fahren könnten – wie es S-Bahnen in Nürnberg und andernorts bereits tun. Statt für anständige Entlohnung von Krankenschwestern und Pflegern für die Alten, Kindergärtner und Streetworker für Kinder und Jugendliche zu sorgen, wird darauf gesetzt, dass ganz Städte und Dörfer barrierefrei werden sollen. Parallel werden gewerkschaftsunabhängige Roboter entwickelt –  wobei uns die Japaner in dieser Entwicklung etwas "voraus" sind. Man muss kein Technikfeind sein, um in manchen Szenarien zum Zusammenleben von Menschen und Robotern von kaltem Grausen gepackt zu werden.

Architektur

Bleiben wir bei der Barrierefreiheit. Analog zum Wärmedämmwahn beobachten wir derzeit bereits konkret den angesprochenen wahnwitzigen Umbau der Städte zu barrierefreien Zonen. Daran ist nicht allein Horst Seehofer schuld. Und wieder, wie bei der autogerechten Stadt, schießen wir übers Ziel hinaus. Ein Beispiel: In Karlsruhe sollte eine alte, denkmalgeschütze Villa mit öffentlicher Nutzung umgebaut werden. Im Treppenhaus hatte der Aufzug keinen Platz, er musste vor die Fassade oder hinters Haus. Denkmalpflegerisch erwies sich die Lage auf der Hausrückseite als charmanter. Der Verein der Behinderten e. V. sah darin eine Herabwürdigung seiner Mitglieder und bestand auf der Positionierung an der Hauptfassade. Die Argumentation dieser Lobbyisten führt zu der absurden Vorstellung, dass Behinderte sich selbst wichtiger nähmen als den Denkmalschutz. Das ist falsch, denn auch Behinderte wissen eine denkmalgeschützte Fassade zu schätzen. Und abgesehen davon sei, wenn es um ein flächendeckend barrierefreies Deutschland geht, an vergangene Zeiten erinnert, ohne nostalgisch zu werden. Gehbehinderten Menschen kann man als aufmerksamer Mitmensch vielerorts und effizient helfen.

Um den ausgezeichneten gebauten Beispielen aus Niedersachsen nicht vorzugreifen, sei auf zwei Beispiele aus Zürich und Mailand hingewiesen, um die Tendenzen im Zusammenwohnen unter verschiedenen Bedingungen anzureißen. In Zürich handelt es sich um das Hunziker-Areal, ein ehemaliges Industriegelände zwischen Innenstadt und Flughafen, das baugenossenschaftlich für 1.300 Bewohner entwickelt wurde und so gut wie fertig ist. Hier wurde versucht, auf dem – zugegeben hohen Schweizer Bauniveau – für verschiedene Wohnungsbedürfnisse ein günstiges Wohnungsangebot zu erstellen. Interessant sind einzelne Grundrisse: Da gibt es die kompakten Vier-Zimmer-Wohnungen mit kleinem, innenliegenden Bad und einem WC, aber auch eine 400 Quadratmeter große Wohngemeinschafts-Konstellation mit zusammengefassten Apartments, gemeinsamen Koch- und Aufenthaltsbereichen. Küchen solcher Wohngemeinschaften sind groß und verfügen über hochwertige Geräte, die sich einzelne Haushalte gar nicht leisten könnten. Im ganzen Quartier wurden Szenarien für das Zusammenleben in unterschiedlichen Größen und Formen entwickelt, auch die Außenräume dienen gemeinsamen Aufenthalten. Nicht alle Wohnungen müssen barrierefrei sein, denn quartiersbezogen gibt es genügend Optionen, um für unterschiedliche Lebenslagen attraktiven Wohnraum zu finden. Zwar achtete die Baugenossenschaft "Mehr als Wohnen" auf kostgünstiges Bauen, das im Umfeld Zürichs dennoch seinen Preis hat.

Ein weiteres Beispiel ähnlicher Dichte sei aus Mailand an der Porta Nuova erwähnt. In einem Quartier mit Wohnhochhäusern soll der "Bosco Verticale" des Architekten Stefano Boeri ein Wohnumfeld bieten, das vor allem dem Bedürfnis der Menschen nach guter Luft und Vegetation entgegen kommt. Dieser "vertikale Wald" soll die Qualitäten von Stadt und Land vereinen und gleicht ein wenig den Konzepten für die Generation "urban gardening". Wieviel Dichte ist zumutbar, damit Menschen ihrer Verantwortung füreinander nicht entgehen können?

Radikales Denken

Bauen für Lebensphasen- und Altersgruppengenerationen bedarf, so lässt sich resümieren, radikaler Änderungen in vielen Gebieten. Es beginnt mit einer Radikalität im Denken.

Eine wichtige Rolle dafür, dass für veränderte Wohnungsbedürfnisse auch Experimentelles gelingen kann, spielt der Besitz. In einer kapitalistischen Gesellschaft muss die Öffentliche Hand als diejenige Planungsinstanz, die gesamtgesellschaftlich, also im Interesse Aller handeln muss, im Besitz von Grund und Boden sein. Wenn derzeit Baugruppen als einige wenige Initiativen versuchen, alternative Wohnmodelle auszuprobieren, ist das gut und schön. Massenwirksam ist es aber nicht. Dass im vergangenen Jahrzehnt manche Kommunen bis zu 70 Prozent ihres sozialverträglich verwalteten Wohnungsbestands verkauft hat, entzog ihnen  Planungsmöglichkeiten, die man für verantwortungsvolles Handeln im Sinne des Gemeinwohls schmerzlich vermisst.

Auch der Gesetzgeber ist gefordert. Politik muss radikaler an den Interessen der Bevölkerung orientiert sein und sich Lobbyisten vom Halse halten. So verabschieden wir uns doch konsequent von der Pendlerpauschale, die unnötigen Individualverkehr subventioniert. Entfallen könnten auch alle Neubauvergünstigungen, die immer den Investoren in die Hand spielen. Vielmehr müssen wir uns um den Bestand kümmern. Private Pkw-Stellplätze und Garagen an Orten, die mit den ÖPNV bestens erreichbar sind, ließen sich verbieten. Der öffentliche Raum muss für die Fußgänger zurückerobert werden. Für Kinder, die noch nicht und Alte, die nicht mehr Auto fahren können. Zumindest eine erhebliche Korrektur der Stellplatzverordnungen ist dringend geboten.

Nicht zuletzt darf man an die Berufsverbände der Architekten appellieren: Diese könnten viel offensiver in die Politk hineinwirken, nicht im Sinne der Besitzstandswahrung ihrer Mitglieder, sondern in einem offensiven, experimentellen und viel selbstkritischeren Sinne.

In einem kleinen Ort am Lago Maggiore, der mir aus dem Urlaub bekannt ist, wurde im Rahmen eines Städtebauförderprogramms der gesamte Autoverkehr aus der Uferzone verbannt. Der öffentliche Raum gehört wieder denen, die das Wohnen nicht auf die eigenen vier Wände beschränken können oder wollen. Ein Zusammenleben, das Lebensphasen- und Altersgruppengenerationen übergreift, das Jung und Alt, Wohlhabende und weniger Wohlhabende nicht separiert, das Kultur und Technik nicht gegeneinander ausspielt, kann nur einem einzigen Aspekt verpflichtet sein: dem Gemeinwohl. So individuell Menschen des 21. Jahrhunderts ihre Wohnverhältnisse bestimmen möchten, so deutlich müssen sie einer funktionierenden Gesamtgesellschaft zugewandt sein.

 

Festvortrag anlässlich der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur am 21. November 2014 im Alten Rathaus, Hannover